32 Seiten DIN A5 Reader basierend auf einem Vortrag von Birgit Mütherich
Herausgegeben von: Autonome Tierbefreiungsaktion Hannover
Einleitung
Die Tierrechtsidee steht - analog zur Menschenrechtsidee - für eine Auf-
fassung vom Umgang mit dem Anderen, der auf Kommunikation, Re-
spekt, (präskriptiver) Gleichheit und Gerechtigkeit beruht. Angesichts
der realen Verhältnisse wären jedoch schon unterhalb dieser positiven
Verhältnisbestimmung die Eindämmung der hemmungslosen Gewalt
gegen Tiere und die Zuerkennung des Rechts auf physische und psychi-
sche Unversehrtheit ein enormer Fortschritt.
Das Problem ist nur: Obwohl die genannten positiven Prinzipien be-
kanntlich in der Ideengeschichte und während der langen Entwicklung
demokratischer Gesellschaftskonzepte und ihrer Umsetzung in die Pra-
xis vielfach proklamiert wurden, sind sie bis zum heutigen Tag auch im
zwischenmenschlichen Bereich - von der privaten Lebensgemeinschaft
bis in die internationale Politik - nicht durchgehend verwirklicht worden.
Wie also kann es angesichts der problematischen Lage bei den Men-
schenrechten mit ihrer viel älteren Rechtstradition gelingen, die Aner-
kennung der Grundrechte für tierliche Individuen gesellschaftlich und
politisch durchzusetzen?
Hier gibt es etliche konstruktive Antworten und praktische Wege, die
aber durch theoretische Analysen ergänzt werden müssen, denn beides
gehört zusammen wie Diagnose und Therapie im medizinischen Be-
reich. Man kann also z. B. fragen: Was blockiert die Ausweitung der
Tierrechtsidee am meisten? Man kann auch weiter fragen: Gibt es mög-
licherweise eine Verbindung zu den "Blockade-Gründen" für Menschen-
rechte? In den letzten Jahren haben viele Autorinnen und Autoren aus
der Philosophie, die der Tierrechts-, der Menschenrechts- und der femi-
nistischen Bewegung nahe stehen, darauf hingewiesen, dass die syste-
matische Ausbeutung und Vernichtung von Lebewesen auf Grund ihrer
Nichtzugehörigkeit zur menschlichen Gattung - dieses Phänomen wird
bekanntlich als Speziesismus bezeichnet - moralisch ebenso verwerflich
ist wie andere Ausgliederungs- und Unterdrückungsstrategien. Die wohl
bekanntesten Vorurteils- und Ausschließungsmuster sind der Rassis-
mus, die Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe bzw. einer bestimm-
ten ethnischen Zugehörigkeit, und der Sexismus, die Diskriminierung
auf Grundlage der Geschlechtszugehörigkeit, die sich faktisch fast im-
mer auf Frauen bezieht. Die ethisch begründete Verurteilung von Ras-
sismus, Sexismus, Speziesmus und anderen Ausgrenzungsformen ist
wichtig, bleibt aber ein politisches Bekenntnis oder eine moralische Pro-
klamation, wenn sie nicht die "Krankheitsursachen" in den Blick nimmt.
An dieser Stelle möchte ich ansetzen und einen kleinen Beitrag zur A-
nalyse bzw. "Diagnose" liefern, indem ich deren Gemeinsamkeiten und
kulturelle Wurzeln beleuchte und nach ihren Funktionen innerhalb des -
äußerst einflussreichen - westlichen Zivilisationsmodells frage.